„Demos el primer paso“ y „mis primeros pasos“ en Medellín

Es war das Wochenende der ersten Schritte:

Der Papst hat mir ein verlängertes, ruhiges Wochenende beschert und durch seinen Besuch, der unter dem Motto „Demos el primer paso“ stand, genau hier in dieser zerklüfteten Stadt die so bitter nötige Aussöhnung befördert.

Auch für mich standen erste Schritte – allerdings die in die Selbstständigkeit – auf dem Programm. Der Sonntag lud zum Kirchgang ein – zumindest habe ich es ernsthaft versucht! Eine konkrete Uhrzeit für den Gottesdienstbeginn in der zentralen Catedral Metropolitana war nicht auszumachen, denn das ist wahrscheinlich allen wirklich so sonnenklar, dass man es nirgends hinterlegen muss.

Die Metro von Medellín ist die gepflegteste Metro, die ich kenne. Ich hatte den Eindruck, dass man mindestens frisch geduscht und einparfümiert sein muss, um damit fahren zu dürfen. Die Herren lassen selbstverständlich die Damen sitzen. Es wird weder gegessen noch getrunken, und es gibt sogar spezielle Buchauflagen der Weltliteratur (z.B. von Oscar Wilde), die zur erbaulichen Lektüre in der Metro kostenlos verteilt werden. Diese Stadt hat die ungeordneten Verhältnisse leid und ist stolz auf ihre Metro!

Außerhalb der Metro sieht die Welt sofort wieder anders aus: Straßenzüge mit Ersatzteilen für Motorräder und Fahrräder oder diverse Fischgeschäfte, die sich aneinanderreihen – alles in einem wilden Durcheinander und sonntags geht das geschäftige Treiben ungemindert weiter. Mein Orientierungssinn ist vielfach überfordert. Ich biege, obwohl ich gedanklich den Straßenplan vor Augen habe, ständig falsch ab und lande in irgendwelchen seltsamen Straßenzügen. Ich komme an, das weiß ich, Schultern zurück, Ellenbogen raus, unsichtbar machen, alles im Blick haben, aber keinen Blickkontakt aufnehmen, entspannter Schlenderschritt, als ob ich hier immer schon hingehörte und schon gar nicht sichtbar das IPhone7 mit der Kartenfunktion rausholen. „Don´t give papaya“! Das heißt so viel wie: Zeige den Reichtum nicht!

Angekommen am Plaza Botero: Die üppigen Skulpturen von Botero sind ein Geschenk an seine Heimatstadt und stehen hier einfach so rum! Kunst für alle und so voll und voller drallem und prallem Leben, dass es mit Händen greifbar ist! Das ist ganz eindeutig an den helleren Stellen der voluminösen Hinterteile der freizügig dargestellten Frauen und anderen Musen abzulesen! Sie werden schon gerne angefasst! Immerhin schaut dieser Passant der liegenden Schönheit zuvor noch in die Augen.

Der Blick

Die lebendigen Modells

Botero hat angeblich nie eine dicke Frau gemalt oder in einer Skulptur dargestellt, sondern ihnen nur von innen her mehr Volumen verliehen. Allerdings stellen die realen Damen hier auch gerne ihren von innen mit Volumen gefüllten Busen oder Popo zur Schau.

Model 1

Unvermittelt daneben sind so viele abgemagerte Obdachlose zu sehen, wie ich es noch nie gesehen habe. Einer lag auf dem Rücken schlafend, ausgesteckt mitten auf dem Platz! Er hatte sich nicht mal ein ruhiges Eckchen gesucht. Einmal um die Ecke abgebogen sitzt eine hagere junge Frau mit trostlosem eingefallenem Blick auf dem Brunnenrand und kokst. Die Stadt der Gegensätze!

Die Empleada

Endlich – wieder nach etwas chaotischer Wegführung – bei der Catedral Metropolitana angekommen … und die Gottesdienstbesucher kommen mir entgegen.

Catedral Metropolitan

Eine Familie betet nach dem Gottesdienst noch gemeinsam bevor sie durch das Portal ins Freie tritt. Der Mann spricht zuerst einen Gebetsteil und die Frauen antworten mit ihrem Gebet. Es hat etwas sehr Intimes. Die Menschen kommen zum Gebet in die Kirche und beten mit nach oben geöffneten Händen. Jetzt ist auch Zeit für mich in diesem Kirchenraum. Von draußen dringt Tango-Musik sanft hinein.

Und dann ist sie wieder unausweichlich da: Die wischmoppende Empleada von Südamerika! Auch am Altar am Sonntag und stört die ganze Andacht! O tempora, o mores!

Wischmopp

Auf dem Rückweg komme ich an allerlei pflanzlichen Schönheiten am schmutzigen Straßenrand vorbei. Wann kann man Schönheit wahrnehmen?

 

 

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause…

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Wo um alles in der Welt habe ich in dieser Unendlichkeit mein Zuhause? Im Hintergrund sind die flirrernden Lichter der Stadt zu sehen – eines Teils des Stadt – genauer gesagt nur dem südlich gelegenen Stadtteil „Sabaneta“. Geschätzt ist etwa ein Viertel oder ein Fünftel von Medellín damit im Bild zu sehen.

Auch der im Foto festgehaltene Blick aus dem 13. Stock meiner jetzigen Unterkunft kann mich nicht endgültig begeistern. Zu sehr dröhnen noch alle Straßengeräusche herauf, zu nahe ist der Nachbar im Hochhaus, kein „Draußen-sein“ bei dem wunderbaren Klima. (Anmerkung: Es gibt hier keine Mücken!).

Also war ich gestern mit Ruben, dem absolut vertrauenswürdigen Fahrer der Schule, der kein Wort deutsch oder englisch spricht, auf Kosten des Colegios mehrere Stunden durch die Stadt geschickt worden, wo es mir denn so behagen würde. Mit Ruben hat die Kommunikation perfekt funktioniert; er hat die ganze Zeit ununterbrochen gesprochen und alles geregelt. Weiß der Himmel, wie Verständigung manchmal möglich ist! Wahrscheinlich gehört dazu eine Menge Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Entiendes? Si? Cierto? – Entiendo! Si! Cierto! ..aber auf einer anderen als der sprachlichen Ebene.

Im schicken Stadtteil „El Poblado“ – wo der Großteil der Lehrerschaft wohnt? Nein! Die Attraktivität eines Wohngebietes richtet sich im Wesentlichen nach den Vergnügungsmöglichkeiten am zentralen Plaza eines Stadtteils und den vielen in den vergangenen 15 Jahren wie die Pilze aus dem Boden geschossenen an den Berghängen gelegenen, luxuriösen Hochhäusern, deren Statik aber deshalb nicht zwangsläufig gesichert ist! Eines ist in den vergangenen Jahren in sich zusammengestürzt.

In „Sabaneta“, wo es den „weltberühmten“ Käse gibt? Nein!

„Envigago“? Wo einst Pablo Escobar residierte? Nein!

In „La Estrella“! Der etwas unorganisierte Stadtteil ganz im Süden, letzte Metro-Station, in der Nähe der Schule, in einem bewachten Haus in einer sogenannten, etwas spießigen „unidad“ (Zitat von Naara in diesem Sommer: „Mama, Du wärst auch eine gute Spießerin geworden!“ – Jetzt ist es also soweit, meine Liebe!) mit einer wunderschönen Aussicht auf die grüne Bergkette, relativ hoch und ganz ruhig gelegen, kein Verkehrslärm – Terrasse in der oberen Etage, Patio, drei Schlafzimmer. Alles gut. Reserviert bis Dienstag. Nur der Schulleiter wohnt bislang in dieser bei den Deutschen wenig beliebten, aber sicheren Gegend – nur noch ein kleines Stück weiter bergauf. Wir sind also die zwei einzigen Seltsamen im Kollegium und werden mit dem Fahrrad zur Schule fahren!

Ggf. wird sich bis Dienstag noch eine Finca in den Bergen auftun. Ansonsten ist die Entscheidung zumindest auf meiner Seite gefallen …

Das Colegio Aleman

Was soll ich sagen? Es könnte in der Tat schlimmer sein! Die verschiedenen Pavillons und Gebäude der Schule liegen auf einem großem parkähnlichen Gelände verteilt. Meine weitläufigen Wege führen mich an den schönsten Gewächsen vorbei. Wie soll man sich da auf das Unterrichten konzentrieren können?

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Zwischendrin laufen einem gerne unvermittelt kleine Kindergartenknirpse voll unerschrockenem Enthusiasmus entgegen, Schüler einheitlich in schwarze Jogginghosen gekleidet sind auch ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Obwohl die Schüler nicht wirklich sehr leise sind, entspannt sich alles durch die Größe des Areals.

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Die Mensa befindet sich unter dem offenen Dach. Jeden Mittag kann man hier im Freien essen mit Blick auf das Schwimmbad, das zu bestimmten Zeiten auch von der Lehrerschaft benutzt werden darf.

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Nach langer Zeit habe ich heute wieder den Unterricht einer 9. Klasse hospitiert. So junge Schüler bin ich gar nicht mehr gewohnt. Die wenigen Mädchen der Klasse saßen versammelt in der letzten Reihe im Biologieraum – still, verhalten, aber fleißig – auch in Kolumbien.

In den kommenden Wochen werde ich das Privileg haben, viel zu hospitieren und das IB (Internationales Bachillerato) – Programm genau kennen zu lernen. Das Fach Biologie ist dabei einer der tragenden Säulen am Colegio. Die sprachlichen Hürden und Grenzen der Schüler waren heute überdeutlich zu spüren, welches wahrlich bei dem Thema „Proteinaufbau“ nicht wunder nimmt. Sprachsensibel wird bzw. ist man hier automatisch! Aber der Unterricht scheint mir doch eher auf die Erfüllung des straffen Lehrplans für das IB ausgerichtet zu sein als auf die Erarbeitung der zugrunde liegenden Prinzipien. Ich werde sehen!

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Erste Eindrücke

Tür1

So öffnen sich in Kolumbien manche Türen – andere haben sich hinter mir geschlossen.

Ein typischer Sonntagsausflug stand gestern auf dem Programm … nach Retiro, einem kleinen Städtchen unweit von Medellín auf dem Land. Kolumbianischer hätte es nicht sein können: bunt angestrichene Häuser, wunderschöne Innenhöfe und vor allem diese Farben und Farbkombinationen: Türkis mit dem Blau des hellen Himmels, Flieder mit Beige… gute Laune garantiert und für umgerechnet ca. 80 Cent Myrre ergattert.

Kirche in Retiro

Diesmal war ich mit anderen Biologen im Auto unterwegs. Das hatte den tröstlichen Effekt, dass ich nicht wie sonst die Einzige war, die weniger auf den Weg als auf die Umgebung geachtet hat und immer mal anhalten wollte, um Pflanzen genauer zu inspizieren. Und es gab wieder jede Menge genauer zu sehen: Bananenstauden, schwarzäugiger Susanne, Eukalyptus, Pinien, Bambus, Baumfarne (meine Lieblinge), Taglilien, Tillandsien… es ist die reine Wonne!

Zuvor hatte ich die Gelegenheit von einem zentral gelegenen Aussichtspunkten von Medellín einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Diese Stadt hat einfach gigantische Ausmaße. Lediglich drei bis vier historische Gebäude waren auszumachen. Alles andere Geld wird in Betongold verwandelt.

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Sicher (angekommen)!

Angekommen in Medellin!

Wer von Susanne und Ralf zum Flughafen in Frankfurt gebracht wird, der hat das große Los gezogen: Der vollständige Service vom Übernachtungsbett, Abendessen reichen, Unterhaltung, Koffer schleppen, zum Flughafen fahren, einchecken und zu den Sicherheitskontrollen bringen. Besser geht es nicht.

Eine so unproblematische Reise habe ich selten erlebt. Der Umstieg in Madrid war zwar langwierig, aber völlig unkompliziert. Wer in Kolumbien bei der Passkontrolle auf eine spanische Fragen eine inhaltlich nicht dazu passende Antwort auf englisch gibt und dabei einen Geigenkoffer unter dem Arm trägt, wird freundlich angelächelt und mit einem „Welcome in Columbia“ durchgewunken. Die Methode funktioniert auch beim Zoll. Der Fahrer stand schon mit dem Schild da, die Koffer wurden mir sofort abgenommen und auch das Autokennzeichen des Autos – ein kleiner interner Sicherheitscheck – stimmte mit meinen Angaben überein. Nach einer Stunde Autofahrt folgte ein freundlicher Empfang bei Angi und Pablo.

Streckenplan

Medellin selbst besteht eigentlich aus vier „kleineren“ durch die dichte Besiedlung in der Tallage zusammenwachsende Städten. Insgesamt quetschen sich fast vier Millionen Menschen in diverse Hochhäuser. An den Berghängen wird die Besiedlung entsprechend spärlicher. Kommt man bei Nacht über die Bergkette nach Medellin hinein, wird man von einem Lichtermeer im Tal empfangen – tagsüber von einem Betonmeer. Die Architektur könnte ausgefeilter sein. Wovon leben diese Menschenmengen eigentlich? Hinter jedem Fenster ein Schicksal!

Lulo gr
Das ist eine Lulo-Frucht. Schmeckt etwas sauer, aber sehr gesund.

Mein Reisegepäck – aus guten Wünschen

Packliste:

  1. Glücksbohnen für drei freie Wünsche,
  2. Türkischer Honig,
  3. Feinste Schokolade (Woher wusstet Ihr, dass ich so viel brauchte in den vergangenen Tagen?)
  4. Support beim Einrichten dieses Blocks
  5. Jagdmesser
  6. Rosa und rote Rosen aller Art
  7. Viele gute Wünsche
  8. Ravels Pianokonzert in G-Dur, Adagio
  9. Höchster Porzellan
  10. CD mit Frankfurter Mundart
  11. Eppendorf-Pipetten
  12. PCR-Maschine für den Biologieunterricht
  13. Eure mitgebrachten Stoffe
  14. Euch an der Nähmaschine nähen zu sehen!
  15. Edle Geschirrhandtücher
  16. Selbstgehäkelte Glückskleeblätter
  17. Blumensamen
  18. Kofferanhänger
  19. Reparierter Griff vom Geigenkoffer
  20. Bachs Violin Partia im Bikini spielen
  21. Gemeinsames Tanzen
  22. Musik auf der Party
  23. Mujito Mixen (Kirchenvorstände können wirklich viel davon trinken!)
  24. Ein Bett zum Übernachten vor dem Abflug
  25. Mich zum Flughafen bringen
  26. Quilt fertig gestalten
  27. 30 kg Pakete zur Post mit der Sackkarre transportieren und nach Kolumbien schicken
  28. Engelstrompeten in Pflege nehmen
  29. Kühlschrank liefern und wieder abholen
  30. Ersatzwohnungsschlüssel aufbewahren und spät abends im Schlafanzug herausgeben
  31. Auf meinen Balkon klettern und die Bierflaschen für den Abend herausangeln
  32. Nachts über Gitter klettern
  33. Die letzten Silvesterraketen über den Main schießen und die letzten Wunderkerzen abbrennen
  34. Ausgiebig auf der Terrasse frühstücken mit Musik von Coltrane 
  35. Getränkekisten schleppen
  36. Türblätter ein- und aushängen

und so fort…

…all diese Sommereindrücke und von viele mehr sind im Gepäck gelandet und mitgeflogen!

 

Du und der Quilt

Vorbemerkungen und Vorbereitungen

Es wird also so ganz langsam ernst. Die Dokumente für den Visum-Antrag sind in der vergangenen Woche eingetroffen: Ein 54-seitges spanischsprachiges Oeuvre mit einigen kleineren Highlights. Das Beste zum Schluss auf der letzten Seite:

Meine Unterschrift mit Daumenabdruck (…nimmt man eigentlich den rechten oder den linken Daumen dafür?… gefühlt kurz vor Blutsbrüderschaft) – auch die anderen Details des Dokuments sind sehenswert. Willkommen in einer anderen Welt!

Das Visum ist inzwischen bewilligt.

Das Beste zum Schluss

 

Dónde?

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50° 6′ 38″ N8° 40′ 56″ E 50.110556°, 8.682222° – 6° 14′ 41.05″ N75° 34′ 25.54″ W 6.244735°, -75.57376°

Grüne Soße – Asado

112 m – 1479 m

732.688 Einwohner – 2.464.322 Einwohner

Langsamer Walzer – Salsa

Hessisch – Spanisch

ca. 70 Orchideenarten – ca. 650 Orchideenarten

Durchschnitt der Maximaltemperaturen 14,9 Grad Celsius – Durchschnitt der Maximaltemperaturen 27,6 Grad Celsius

Durchschnitt der Mindesttemperaturen 6,2 Grad Celsius – Durchschnitt der Mindesttemperaturen 16,9 Grad Celsius

Jahresniederschlag 630 mm – Jahresniederschlag 1672,9 mm (hätte besser in Ökologie aufpassen sollen… )

Sonnenstunden 4,5 – Sonnenstunden 5,2

Frankfurt am Main – ?